Ackerbau digital: Einblicke in einen Vorzeigebetrieb

SENNICKERODE. „Die Mitarbeiter haben die Umstellung alle voll mitgetragen und die neue Technik fast schon spielerisch übernommen. Ich bin über 60 – ich musste mich da schon eher dran gewöhnen“, schmunzelt Michael Plümecke, angestellter Betriebsleiter bei der NOVA GbR. Das Unternehmen setzt seit Jahren auf Digitalisierung, arbeitet mit Satelliten-gesteuerten Schleppern und Maschinen und steht damit nicht alleine da: Jeder fünfte landwirtschaftliche Betrieb in Deutschland nutzt bereits Industrie 4.0-Anwendungen.

NOVA GbR ist ein Zusammenschluss aus vier landwirtschaftlichen Betrieben und Gütern im Landkreis Göttingen und wird von Sennickerode aus verwaltet. Rund tausend Hektar, verteilt auf vier Betriebsstätten, umfasst das Unternehmen. Außer Plümecke arbeiten noch zwei weitere Festangestellte auf dem Betrieb, unterstützt von zwei bis drei Saisonarbeitskräften.
Auf Einladung von „WirtschaftsDienst exklusiv“ konnten sich jetzt die Teilnehmer im Rahmen der „WirtschaftsDienst Einblicke“ auf Gut Sennickerode selbst ein Bild davon machen, wie weit die Digitalisierung in der Branche bereits vorangeschritten ist. „Die Dokumentation ist in der Landwirtschaft das A und O“, erklärt Betriebsleiter Plümeke: „Und da unterstützt uns natürlich die Digitalisierung ganz enorm“. Jeder der vier Betriebsschlepper ist mit einem GPS-Gerät auf dem Dach – einem sogenannten Pilz – ausgestattet. Per GPS-Signal fährt der Trecker selbstständig, lediglich beim Wenden muss der Fahrer noch Hand anlegen. Dazu liefert der Bordcomputer exakte Zahlen: Aktivität, Prozesszeit, Kraftstoffverbrauch auf dem Feld und auf der Straße, eingesetzte Dünge- oder Spritzmittel pro Schlag. Auch der exakte Umriss der zu bearbeitenden Fläche kann als digitale Karte eingegeben werden und ermöglicht so eine zentimetergenaue Bodenbearbeitung. „Durch den Einsatz von digitaler Technik haben wir eine zu 100 Prozent sauber bearbeitete Fläche“, erklärt Plümecke. „Und die Auswertung der Daten ermöglicht es uns, Schwachstellen zu analysieren und uns weiter zu verbessern.“ Per Bordcomputer kommuniziert der Schlepper mit angehängten Maschinen wie Spritze oder Drillmaschine. So kann der Einsatz von Dünger optimal gesteuert werden. Ein „crop sensor“ erfasst zudem während der Fahrt über Lichtwellen die Blattfärbung und gibt eine Düngeempfehlung an den Bordcomputer. Dieser teilt dem angehängten Düngerstreuer mit, ob er die auszubringende Menge erhöhen oder reduzieren soll. So werden die im Büro geplanten Ausbringmengen nochmals nachjustiert. Auch Pflanzenschutzmaßnahmen werden passgenau durchgeführt. Dazu trägt besonders das präzise Fahren bei. Dank moderner GPS-Technik schaltet die Maschine automatisch kleinere Teilbreiten ein oder aus, die Fläche wird optimal bearbeitet. „Das ist gut für die Umwelt, gut für unseren Geldbeutel und bedeutet weniger Aufwand“, betont Plümecke. Auch ein GPS-unterstützter Mähdrescher kommt im Betrieb zum Einsatz. Grundlage der Digitalisierung auf dem Feld ist die Ertragskartierung. Erfasst werden die aktuelle Erntemenge sowie der genaue Standort bei der Ernte. Aus diesen Daten wird eine Ertragskarte erstellt. Gekoppelt mit einer Bodenwasserkarte entsteht eine Applikationskarte, die trockene und feuchte Stellen ebenso wie hohe und niedrige Erträge innerhalb eines einzigen Schlags anzeigt. Anhand dieses Wissens kann dann die Düngung oder die Saatstärke genau auf den jeweiligen Abschnitt des Ackers eingestellt werden.
Die Kommunikation von Maschine zu Maschine (M2M) – also beispielsweise von Mähdrescher zu Schlepper beim Abtanken – wird bei der NOVA GbR allerdings noch nicht praktiziert. Und auch das Schicken von „digitalen Arbeitsaufträgen“ während der Fahrt hat sich für Plümecke nicht bewährt. Nützlich findet er dagegen im Fall einer Havarie den Zugriff von außen auf den Bordcomputer der Landmaschine: „Ich kann dann bei meinem Vertriebspartner anrufen und per Fernwartung gucken, ob ich das Problem in den Griff bekomme. Oder es kommt jemand aufs Feld und hat dann gleich die passenden Ersatzteile bereit.“ Ein nützlicher Service; allerdings stellen sich hier für die digitale Zukunft auch Fragen nach Datensicherheit und Datenschutz. Üblicher Standard sei dieser Einsatz digital unterstützter Landmaschinentechnik aber noch keineswegs, betont Achim Hübner, Geschäftsführer des Landvolk Göttingen e.V.. Mit ihren rund 1.000 Hektar hat die NOVA GbR weit mehr Fläche als der herkömmliche landwirtschaftliche Betrieb, für den sich die teure GPS-Technik in vielen Fällen nicht rechnet.

Quelle: Göttinger WirtschaftsDienst, Ausgabe 8/2016, Autor: Annemike Düvel